Tintenkummer

nachdem philomena von ihrem traummann, der zufälligerweise auch ihr psychiater war,

verlassen wurde, öffnete sie eine klinik für misslungene dichter

der psychiater hatte sie zum dichten angespornt

aber sich nach dem perfekten liebesgedicht davon gestohlen

jetzt fühlte philomena sich dermassen leer

dass sie vom papier absorbiert wurde, aber die worte blieben aus

es war alles furchtbar weiss und still

und dann kam sie auf eine hervorragende idee:

was wäre, wenn ich dieses papier, das ich nun mal geworden bin,

ausfülle mit all denjenigen, die ohne identität sind

in dieser von schlagzeilen und facebookfressen erfüllten welt?

ich werde wie ein schwamm für vergessene geschichten

sowie ein analytiker der leinwand für die unbewussten projektionen

seiner patienten ist

ich öffne eine klinik, denn meine mauer sind schon schneeweiss

wie zu erwarten kam das dichtervolk aus nah und fern herbeigeströmt

da gab es den dichter, der sich von seinen groupies beweihräuchern liess

in seinem datcha ausserhalb der stadt

weit weg vom gewimmel im literarischen nabel

seit ich einen UFO gesehen hab’, hat man mich ‘rausgeworfen, zo beklagte er sich

er wurde von seinem soefifahrer begleitet

der gefälligst tief beugte und dessen pomadisierte haare

blumig nach weihrauch dufteten

es gab den hellsehenden dichter, der philomena den niedergang ihres psychiaters vorhersagte

denn es schwärmen zuviele demonen um ihn herum

wie diese aber vertrieben werden könnten, darauf wusste er die antwort nicht

erst wenn ich mich in christus verwandle, werde ich ihn retten können

es gab den dichter mit den vielen alter ego’s

dass er sie nicht mehr auseinanderhalten konnte

und sie ihn mal anflehten, mal anschrien bis er wahnsinnig wurde

es gab die dichterin, die aufm land zwischen kühen und schweinen aufgewachsen war

und sich der feinschreiberei nie eigen gemacht hatte

so dass allerhande körpersäfte statt tinte aus ihrem feder sprühte

es gab den eitlen dichter, der seinen schwanz auf ‘ne silberne schale legte

aber philomena fiel ganz geschickt nicht darauf ein

ein schwanz auf ‘nem präsentiertablett macht noch kein gedicht,

mahnte sie streng, es geht darum, was hinter diesem dürren fleischhäufchen steckt

es gab den dichter, der so versauert war

dass er gallenschwarz sah und sein feder nur essig pisste

ihr seid alle versager, ihr opfer! brüllte er,

das wird nie was, steckt doch euren kopf in die schlinge!

philomena bat ihn, die ausrufezeichen gefälligst zu streichen

und sich im wartezimmer zu verkneifen

wir müssen ja unsere arbeit kritisch betrachten

und so klapperten die schreibmaschinen tag und nacht

nach einer woche kam das papier bis an die decke

und gab es kein möbel, keine wand, keine tür, die nicht mit buchstaben bedeckt war

was nun? fragten sich jetzt die dichter

als sie sich letztendlich im aufenthaltsraum zu einem festmahl mit wein weib und gesang trafen

was hat das alles uns eigentlich gebracht?

nu ja, sagte der essigpisser munter, denn er war der einzige, der etwas aus der erfahrung gelernt hatte, wir haben mal wieder was geschrieben statt uns endlos zuvor zu kommen

und so kehrte das dichtvolk heim, das vollgeschriebene klinikum der naturkräfte überlassend

plötzlich erhob der wind sich und nahm das kartenhaus auf die flügel

bis es sich niederliess an den füssen philomenas traummannes,

der nicht mehr der alte psychiaterfuchs mit zigarre war

sondern ein gut aussehender junger mann, die sich die haare vor reue raufte

und schon seit ewigkeiten auf der suche nach seiner traumfrau war

damals hatte er liebeslyrik nicht leiden können, aber jetzt war er leichten herzens

als er also das kartenhaus erblickte, hob er es neugierig auf und betrachtete es von allen seiten

er faltete es auf und las alles was auf möbeln, wänden und türen stand

aber konnte nichts von philomena, nichts von ihrer leib und seele darin entdecken

enttäuscht warf er das tintenbefleckte ding in den nächsten mülleimer

und weinte heisse, schwarze träne